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Stress am Essenstisch? Das sagt Jesper Juul zum Familientisch!

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Eines der Ziele, mit denen Eltern ihre Babys mit Baby Led Weaning an die Nahrung heranführen, ist es, ein positives Verhältnis zum Essen aufzubauen. Außerdem können die kleinsten so vom ersten Moment an am Familientisch sitzen und Teil der Gemeinschaft sein. Wie wichtig ein solcher Familientisch ist, kann nicht oft genug gesagt werden. Es geht dort um so viel mehr als Nahrungsaufnahme – schon allein deshalb sollte Stress am Essenstisch vermieden und die gemeinsame Mahlzeit für alle entspannt verlaufen.

Der bekannte dänische Familientherapeut und Autor Jesper Juul hat seine Gedanken und Ansätze dazu in seinem Buch „Essen kommen. Familientisch – Familienglück“ (Amazon-Partnerlink) veröffentlicht.

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Stress am Essenstisch

Familientisch ist viel mehr als Nahrungsaufnahme

Es geht in diesem Buch nicht um Baby Led Weaning, sondern um allgemeine Grundsätze des Umgangs mit Kindern und Ernährung, die Juul nicht altersspezifisch definiert. Allerdings lassen sich alle seine Thesen sehr gut mit Baby Led Weaning und selbstbestimmtem Essen in Einklang bringen.

„Alles, was die wechselseitigen Beziehungen berührt, kommt bei den Mahlzeiten aufs Tapet – direkt oder indirekt.“ (S. 22)

Das heißt, eine Familienmahlzeit kann nicht immer in perfekter Harmonie verlaufen, manchmal kommen hier Konflikte zu Tage, die sonst anderswo herauskommen würden. Allerdings ist der Familientisch nicht der Ort, diese Konflikte auszutragen. Die gemeinsame Mahlzeit ist nicht der Ort für Erziehung, Strenge und Zurechtweisung, das nimmt allen Beteiligten den Spaß am Essen. Vielmehr sollte man Probleme, die dort zum Vorschein kommen, auf danach verschieben und am besten unter vier Augen besprechen.

„Gute soziale Beziehungen und gemeinsame Mahlzeiten hängen eng zusammen.“ (S. 19)

Leitwölfe am Esstisch

Wenn Kinder nicht essen oder äußern, dass ihnen das Essen nicht schmeckt bzw. sie etwas anderes essen wollen, stellen sich Eltern schnell die Frage, ob sie den Kindern so lange vorsetzen sollten, was sie verlangen, bis sie etwas essen.

Jesper Juul beantwortet das so:  Natürlich nimmt man als Koch und Verantwortlicher Rücksicht auf die Vorlieben der einzelnen Familienmitglieder, auch der kleinsten. So kann man natürlich auf die Wünsche und Vorlieben der Einzelnen eingehen. Wenn ein Kind keinen Fisch mag, warum sollte es diesen auf seinem Teller finden? Einem Gast würde man auch keinen Brokkoli servieren, obwohl man weiß, dass dieser ihn nicht isst.

„Wer Regeln und Vitaminen mehr Bedeutung beimisst, als den Menschen, die das Essen zu sich nehmen, verkennt den Aspekt der Geselligkeit und seinen Einfluss auf das Gelingen einer Mahlzeit.“ (S. 21)

Wie auch in der Kindererziehung allgemein sollten aber auch am Familientisch Kinder nicht immer alles bekommen, was sie wollen, so Juul weiter. Auch am hier haben Eltern die Verantwortung, sollen „Leitwölfe sein“. Denn Kinder können lange nicht unterscheiden zwischen echten Bedürfnissen und „Lust“ auf etwas. Das heißt, wenn wir den Kindern die alleinige Führung überlassen, ist der Aufwand einer Familienmahlzeit in keinem Verhältnis zum Nutzen. Am Familientisch ist also nicht einer Koch und Bedienung, während die anderen ihre Leibspeise bestellen und sich dabei dreimal umentscheiden. Gleichzeitig sollte sich aber jeder wohl, willkommen und richtig fühlen.

Wie Kinder gerne essen

Es ist nicht allein das selbstbestimmte Essen, das Baby Led Weaning auch schon für Babys ermöglicht, das zu einer positiven Esskultur führt. Einem Kind das Essen vorzusetzen bedeutet nicht, dass es auch gerne isst. Besonders Eltern mit „schlechten Essern“ könnten daher diese Tipps von Juul für einen gelungenen Familientisch weiterhelfen:

  • Angenehmes Klima am Esstisch schaffen
  • Essen kochen, das allen schmeckt
  • Kinder haben einen Geschmackssinn, genau wie Erwachsene. Es sollte deshalb erlaubt sein, dass ihnen etwas nicht schmeckt, ohne dass das negativ konnotiert und betitelt wird mit „wählerisch“ oder anderen dialektalen Ausdrücken. Stattdessen kann man sachlich darüber kommunizieren und den Geschmack des Kindes respektieren.
  • Auch Kinder essen mit den Augen, d.h. der Teller sollte genauso ansprechend angerichtet sein, wie bei den anderen Familienmitgliedern. Geschnitten und zermatscht werden kann im zweiten Schritt.

Jesper Juul Familientisch

Jesper Juuls Tischmanieren für Eltern

Außerdem beschreibt Juul fünf „Tischmanieren für Eltern:

  • Ein Streit zwischen den Eltern über das richtige Vorgehen am Tisch darf niemals vor dem Kind ausgetragen werden.
  • Kritik, Lustigmachen oder Belehren hat am Esstisch nichts zu suchen.
  • Das Kind nicht ununterbrochen bei Essen beobachten und Anstarren.
  • Alkohol nur in Maßen.
  • Medien, also Fernseher, Musik und Smartphone haben am Tisch nichts zu suchen.

Tischmanieren für Kinder?

Welche Manieren man von seinen Kindern erwartet, muss jeder für sich entscheiden. Eines sollte aber klar sein: Die Erwartungen dürfen nicht zu hoch angesetzt werden. Sich perfekt benehmende 3-jährige sind nicht die Regel und dahinter stecken oft unangenehme oder schädliche Erziehungsmuster wie Drill, Strafe oder Druck.

Wenn Kinder sich nicht an geforderte Tischmanieren halten, dann häufig nicht aus böser Absicht oder, weil sie sich den Eltern wiedersetzen wollen, sondern einfach, weil sie nicht daran denken. Denn Kinder vergessen schnell und können ihre Aufmerksamkeit noch nicht so gut steuern. Sie werden schnell von anderen Eindrücken und Gedanken abgelenkt. Kinder unter fünf brauchen viel Übung und müssen etwas viele Male hören, bis es zum festen Verhaltensrepertoire wird.

Das beste, was Eltern dann tun können, ist eine Kombination aus Vorbild sein und respektvollem erinnern. Erinnern meint nicht Kritik, Zurechtweisung oder Befehlen, sondern ist das Äußern eines persönlichen Wunsches: „Ich möchte, dass Du nicht mit vollem Mund sprichst.“ Geduld ist hier, wie so häufig, der stressfreiste Weg zum Ziel – für alle.

Mein Kind will immer dasselbe essen

Wenn Kinder überfordert sind oder sich von den Eltern abgewiesen fühlen, kann das Essen eine Form der Expression oder eine Kompensation sein. Das bedeutet, dass manche Kinder vielleicht immer nur dieselbe, kleine Auswahl an Nahrungsmitteln zu sich nehmen wollen, weil ihnen das ein Gefühl der Sicherheit gibt. Rücksichtnahme, Aufmerksamkeit und eine Spezialbehandlung beim Essen kann auch eine Form sein, von den Eltern Liebe oder Sicherheit einzufordern. Auch ein (vorübergehender) Essensstreik kann in diese Richtung interpretiert werden.

Wenn Eltern dagegen behaupten, ihr Kind esse „überhaupt nichts“, steckt dahinter meist nur eine Divergenz zwischen dem, was das Kind zu sich nimmt und der Vorstellung von Erwachsenen, was ein Kind zu sich nehmen sollte.

Wenn ein Kind tatsächlich nichts isst, liegt eine Essstörung vor und es braucht schnellstmöglich professionelle Hilfe!

In der Küche helfen

Viele Kinder helfen schon im Kleinkindalter sehr gerne im Haushalt mit. Das gibt ihnen die Möglichkeit, Zeit mit den Eltern zu verbringen und sich als produktives und wichtiges Mitglied der Familie zu fühlen. Hierzu gehört auch Frustration, wenn etwas nicht so gut klappt oder etwas noch nicht erlaubt ist (z.B. ein scharfes Messer). Diese Emotionen gehören dazu und man sollte mit dem Kind darüber kommunizieren, statt sie ihm vorzuenthalten.

Dabei zu sein, wie die Familienmahlzeit entsteht, kann auch häufig dazu führen, dass die Kleinen sie probieren wollen.

„Jede gemeinsame Mahlzeit der Familie wird eine ganz besondere Mischung aus Essen, Kontakt und Fürsorge sein.“ (S. 21)

Mein Kind will nicht sitzen bleiben!

Im Kleinkindalter, wenn sie gerade erst gelernt haben, sich zu bewegen, fällt es manchen Kindern schwer, lange still zu sitzen. Dann können sie vielleicht gerade so lange am Tisch bleiben, wie sie brauchen, um ihren Hunger zu stillen. Dann möchten sie spielen und sich bewegen. Im Extremfall möchten sie sogar während des Spielens essen. Es macht wenig Sinn, Kinder an den Tisch zu zwingen, vor allem nicht, bevor man vernünftig mit ihnen Sprechen kann. Im Sinne aller Beteiligten kann man vielleicht für einige Zeit tolerieren, dass das Kleinste Mitglied der Familie nicht oder nur kurz am Familientisch sitzt. Wenn das Kind dann größer ist, also spätestens mit vier oder fünf Jahren, kann man dann durchaus immer wieder mit ihm sprechen und es bitten, sich hinzusetzen. Allerdings auch hier nicht mit Zwang oder Kritik, sondern als Wunsch der restlichen Familie nach einer gemeinsamen Mahlzeit. Auch feste Rituale wie ein Tischspruch oder Regel, wann die Kinder aufstehen dürfen, sind in dieser Entwicklung hilfreich.



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