Kuhmilch für Babys – ab wann ist das erlaubt?
Ab wann, welche und wie viel Kuhmilch bzw. Milchprodukte Babys dann essen können, ist eine scheinbar sehr komplexe Frage, zu der es aber offizielle Empfehlungen gibt. Auch die Frage, ob Ziegen- oder Schafmilch besser ist als Kuhmilch für Säuglinge, soll hier beantwortet werden.
Ab wann dürfen Babys Milchprodukte zu sich nehmen?
Milchprodukte können ab der Beikosteinführung Bestandteil der Kinderernährung sein. Welche Milchprodukte geeignet sind und in welcher Menge sie angeboten werden, hängt von der Form und dem Alter des Kindes ab. Kuhmilch kann beispielsweise Bestandteil eines Milch-Getreide-Breis sein. Als Getränk ist Kuhmilch im ersten Lebensjahr nicht vorgesehen.
- Nach den Handlungsempfehlungen des Netzwerks Gesund ins Leben können bis zu 200 ml Kuhmilch pro Tag zur Zubereitung eines Milch-Getreide-Breis verwendet werden. Als Getränk soll Kuhmilch demnach erst gegen Ende des ersten Lebensjahres angeboten werden, ich würde es als Getränk überhaut nicht empfehlen.
- 200 ml Kuhmilch ist auf jeden Fall genug, was die Eiweiß-Zufuhr angeht. Bei zusätzlichen Milchprodukten sollte die Gesamtmenge der Milchprodukte berücksichtigt werden.
- Nach dem ersten Geburtstag steigt die empfohlene Menge an Milch und Milchprodukten. Als Orientierung werden im Kleinkindalter etwa 300 ml pro Tag genannt; dabei zählen Milch und Milchprodukte zusammen.
Sinnvoll ist es auf jeden Fall, Babys während der Stillzeit an Kuhmilch zu gewöhnen und möglichst lange ergänzend weiter zu stillen.
Grundsätzlich sollten Babys Milchprodukte nicht im Übermaß essen.
Kuhmilch enthält sehr viel Proteine
Kuhmilch enthält also deutlich mehr Eiweiß als Muttermilch. Deshalb soll sie im ersten Lebensjahr nicht zu viel gegeben werden. Die Begrenzung der Menge trägt unter anderem dazu bei, eine sehr hohe Proteinzufuhr und und damit eine zusätzliche Belastung der kindlichen Nieren zu vermeiden.
Kann eine hohe Proteinaufnahme das spätere Körpergewicht beeinflussen?
Verschiedene Studien (zuletzt die sogenannte CHOP-Studie der LMU München) haben einen Zusammenhang zwischen einer höheren Proteinaufnahme im Säuglings- und Kleinkindalter und einem höheren späteren Körpergewicht untersucht. Daraus lässt sich natürlich nicht ableiten, dass ein einzelnes Lebensmittel wie Joghurt oder Käse bei einem Baby späteres Übergewicht verursacht. Für die Ernährung eines Babys ist die gesamte Ernährungsweise entscheidend.
Natürlich ist die Proteinzufuhr als Baby bei weitem nicht der einzige Faktor, der zu späterem Übergewicht führen kann.
Ab wann normalen Joghurt und Käse für Babys?
Milchprodukte sollten im ersten Lebensjahr nicht in großen Mengen zusätzlich zum Milch-Getreide-Brei angeboten werden. Eine hohe Eiweißzufuhr, insbesondere aus Milch, sollte vermieden werden.
Wenn Du nun Dein Baby nicht mit Milch-Getreide-Brei fütterst, sondern mit Baby Led Weaning an die Beikost heranführst, gilt dasselbe trotzdem: Zu viel Proteine aus Milchprodukten sind nicht gut für Dein Baby. Wenn Du einen Richtwert haben möchtest, kannst Du die oben genannten verwenden: 200 ml bzw. Gramm pro Tag im ersten Lebensjahr und 300 ml bzw. Gramm im zweiten.
Ab wann dürfen Babys Quark essen?
Quark nimmt unter den Milchprodukten in diesem Zusammenhang nochmal eine Sonderstellung ein: Quark enthält besonders viel Eiweiß. Davon solltest Du also umso weniger geben bzw. nicht mit derselben Faustformel rechnen.
Kalzium aus der Kuhmilch
Häufig wird Kuhmilch als sehr „gesund“ für Babys und Kinder dargestellt. Immerhin enthält sie viel Kalzium, das Kinder für ihr Wachstum benötigen. Sogar vier Mal so viel Kalzium wie Muttermilch. Ja, das durchschlagende Argument der Marketing-Experten war immer: Kinder brauchen Milch, um genügend Kalzium für den Knochenaufbau zu haben. Denn die Kleinen wachsen ja so schnell und haben darum einen erhöhten Nährstoffbedarf. Daher hören viele von uns noch von ihren Eltern, Kinder bräuchten jeden Tag ein Glas Milch. Meine Mama wurde aus diesem Grund als Kind sogar gezwungen, täglich Kakao zu trinken!
Dabei ist die Wahrheit schon etwas komplexer. Denn auch wenn es wahr ist, dass Kuhmilch sehr viel Kalzium enthält, ist nicht geklärt, ob das enthaltene Kalzium auch vom menschlichen Körper genutzt wird. Denn die Kalziumaufnahme ist nicht eine ganz einfache 1-zu-1-Rechnung. Wie gut es absorbiert wird, hängt davon ab, wie viel Angebot es gibt – und mit welchen anderen Stoffen es kombiniert wird. Eine geringe Kalziumzufuhr führt paradoxerweise dazu, dass proportional mehr aus der Nahrung aufgenommen wird. Andere Stoffe, wie Phosphor, hemmen die Kalziumaufnahme. Und nun kommt’s: Kuhmilch enthält viel Phosphor. Es ist also gut möglich, dass Kuhmilch trotz des hohen Kalziumgehalts nicht dazu führt, dass Kindern mehr Kalzium zur Verfügung steht. Es gibt Studien, die zeigen, dass in Ländern, die wenig Milchprodukte essen, auch weniger Meschen an Osteoporose erkranken. Der genaue Zusammenhang ist bisher nicht geklärt.
Auch bekommen Babys über die Muttermilch oder Flaschennahrung ausreichend Kalzium und eine ausgewogene, selbst eine fleischlose oder vegane Ernährung, bietet gute Kalziumquellen abseits von Kuhmilch. Natürlich ist Milch aber in sehr vielen Gerichten und Speisen enthalten, sodass die wenigsten dauerhaft komplett ohne diese auskommen werden. Kindern schmeckt Milch außerdem sehr gut, weil sie geschmacklich an Muttermilch erinnert und viel Laktose (Milchzucker) enthält.
Es bleibt also schwierig.
Was ich Dir auf jeden Fall mit Sicherheit sagen kann: Kuhmilch ist für die Ernährung eines Kindes nicht die einzige Möglichkeit, Calcium und andere Nährstoffe aufzunehmen. Kinder brauchen die Nährstoffe, die in der Kuhmilch enthalten sind, nicht aber zwangläufig Kuhmilch. Kinder brauchen Kalzium! Und das sowie die anderen Nährstoffe aus der Kuhmilch kann man ausnahmslos alle auch auf anderen Wegen zuführen. Sonst wären Kinder mit Unverträglichkeit oder Allergien gegen Kuhmilchbestandteile deutlich weniger gut entwickelt. Auch ist es in großen Teilen der Welt immer noch die Regel, dass keine Kuhmilch getrunken oder verarbeitet wird – und trotzdem haben diese Kulturen gesunde Kinder.
Alternative, pflanzliche, Kalziumquellen sind zum Beispiel Grünkohl, Brokkoli, Fenchel, Karotten, oder Beeren.
Eisenmangel durch Milchprodukte?
Während also der positive Effekt auf den Kalziumhaushalt zweifelhaft ist, ist ein anderer Mechanismus der Kuhmilch im menschlichen Körper recht klar: Sie kann die Eisenaufnahme im Körper beeinträchtigen. Statistisch gesehen haben Kinder, die viel Kuhmilch trinken, eine höhere Gefahr, an einem Eisenmangel zu leiden.
Während Flaschenkinder mit der PRE-Milch viel Eisen aufnehmen, ist vor allem bei Stillkindern, die noch nicht viel Nahrung annehmen, das Risiko für einen Eisenmangel im zweiten Lebenshalbjahr leicht erhöht. Allein aus diesem Grund wäre es ein großer Nachteil, irgendwann statt PRE Kuhmilch in die Flasche zu füllen. Auch, wenn sie verdünnt ist.
Das bedeutet jetzt wiederum nicht, dass Dein Kind keine Kuhmilchprodukte zu sich nehmen darf. Du solltest aber darauf achten, dass diese nicht bei jeder Mahlzeit integriert sind und Eisenquellen am besten unabhängig von Kuhmilch und stattdessen in Kombination mit Vitamin C gegessen werden.
Von Flaschenmilch auf Kuhmilch umsteigen?
Trotzdem gibt es immer noch das Gerücht, man könne babygeeignete Arten von Milch allmählich mit Vollmilch ersetzen, Kinder bräuchten Kuhmilch für gesunde Knochen und andere Ammenmärchen. Auch im Supermarkt-Kühlregal findet man viele Fertigprodukte die im Design und teils sogar verbal suggerieren, dass sie für Babys und Kleinkinder gesund wären oder die „Ernährung ideal ergänzen“ würden.
Auf verschiedenen Portalen und von vielen „erfahrenen Eltern“ wird also immer noch empfohlen, im zweiten Lebensjahr von industrieller Säuglingsnahrung auf Kuhmilch umzusteigen. Tatsächlich gibt es dafür keinerlei triftigen Grund – außer vielleicht den Preis. Ernährungsphysiologisch solltest Du so lange PRE-Milch oder 1-er Nahrung nach Bedarf zu geben, bis Dein Kind keine Flasche mehr braucht.
Sind alternative Milcharten besser für Babys?
Milchernährung auf Basis von Ziegenmilch, Schafsmilch oder Stutenmilch ist ebenfalls nicht empfehlenswert, solange es qualitativ hochwertige Pulvermilch gibt, die möglichst nah am tatsächlichen Bedarf von Säuglingen liegt. Ziegenmilch enthält zum Beispiel viel weniger Folsäure und Vitamin B12 als menschliche Muttermilch. Diesen Bedarf müssen die Kinder dann anderswo decken – oder sie laufen Gefahr, einem Mangel ausgesetzt zu sein. Allerdings gibt es Hinweise, dass Pre-Nahrung auf Basis von Ziegenmilch besser geeignet sein könnte als auf der Basis von Kuhmilch.
Kuhmilchallergie beim Baby
Eine Bemerkung noch am Ende: Bitte bedenke bei der Planung von Milchprodukten für Dein Kind auch, dass es sich um ein potenziell allergenes Lebensmittel handelt. Verhältnismäßig viele Menschen reagieren auf die Proteine in tierischer Milch allergisch.
Um dem vorzubeugen, empfehlen immer mehr Fachpersonen die Kuhmilch unter dem Schutz der Muttermilch einzuführen – als wenn Babys noch gestillt werden. Muttermilch enthält möglicherweise Stoffe, die das Immunsystem und die Verdauung unterstützen und so den Körper davor bewahren, aus Überforderung gegen nicht-schädliche Eiweiße aus der Nahrung zu reagieren.
>> Mehr zum Thema Kuhmilchallergie
Wenn Du also innerhalb des ersten Lebensjahres abstillen möchtest, solltest Du auch diese Überlegung in Deine Entscheidungsfindung, wann Du Milchprodukte für Dein Baby einführen möchtest, einfließen lassen.
In meiner Lebensmittel-Fibel für Babys findest Du zahlreiche Infos zu verschiedenen Lebensmitteln. Wenn Du eines nicht findest, schreib mir unbedingt einen Kommentar oder eine Nachricht, damit ich das ergänzen kann!
Quellen:
- Griebler U, Bruckmüller MU, Kien C, Dieminger B, Meidlinger B, Seper K, Hitthaller A, Emprechtinger R, Wolf A, Gartlehner G. Health effects of cow’s milk consumption in infants up to 3 years of age: a systematic review and meta-analysis. Public Health Nutr. 2016 Feb;19(2):293-307. doi: 10.1017/S1368980015001354. Epub 2015 May 20. PMID: 25989719.
- Hopkins D, Steer CD, Northstone K, Emmett PM. Effects on childhood body habitus of feeding large volumes of cow or formula milk compared with breastfeeding in the latter part of infancy. Am J Clin Nutr. 2015 Nov;102(5):1096-103. doi: 10.3945/ajcn.114.100529. Epub 2015 Sep 9. PMID: 26354544; PMCID: PMC4625583.
- AWMF Online: S3-Leitlinie Allergieprävention – Stand 11. November 2022 https://register.awmf.org/assets/guidelines/061-016l_S3_Allergiepraevention_2022-11.pdf
Bild: bigstockphoto.com – ©oksun70
Auf Pinterest merken:

Danke für den sehr ausführlichen und gut erklärten Artikel mit Quellen!