Mohn für Babys und Kleinkinder gefährlich?

Hast Du auch gehört, dass Mohn für Babys und Kinder gefährlich ist und hast jetzt Angst, weil Dein Kind kürzlich ein Mohnbrötchen gegessen hat? Und tatsächlich, wenn Du die Suchmaschine oder KI befragst, sagt die ziemlich eindeutig: Babys und Kleinkinder dürfen keinen Mohn essen. Aber stimmt das denn so wirklich? Warum steht das nicht auf der Liste der gefährlichen Lebensmittel? Und warum haben Mohnbrötchen kein Warnschild dran? Dieser Artikel soll etwas Licht ins Dunkel bringen und Dir vor allem die Angst vor einem Mohnbrötchen für Babys nehmen. 

Ab wann dürfen Babys Mohn essen?

Gebacken oder gekocht und in kleineren Mengen dürfen Babys Mohn ab Beikostreife essen – solange er qualitativ hochwertig ist und nicht aus zweifelhafter Herkunft stammt. Roher Mohn dagegen ist für Kinder nicht geeignet. Das bedeutet, auch wenn Dein Säugling oder Kleinkind das komplette Mohnbrötchen vom Bäcker – oder vielleicht sogar zwei – aufgegessen hat, passiert rein gar nichts. Außer, dass es ihm offensichtlich ziemlich gut schmeckt. 

Warum kann Mohn für Kinder gefährlich sein? 

Woher kommt aber die Meinung, dass Babys und Kleinkinder keinen Mohn essen dürfen? Dabei geht es tatsächlich um rohen, unverarbeiteten Mohn und um Mohn in größeren Mengen, wie sie z.B. in der Mohnkuchen-Füllung vorkommen – oder um Mohn aus schlechter Verarbeitung, der verunreinigt wurde. Denn tatsächlich könnte (das trifft also nicht auf automatisch zu!) Mohn durch den Ernteprozess mit Opiaten verunreinigt sein. Opium kommt nicht in den Mohnsamen selbst, aber in den Kapseln, die sie umgeben, vor. 

Als Medikament hat Opium nicht nur positive Wirkungen, sondern auch unerwünschte Nebenwirkungen, nicht zuletzt eine mögliche Abhängigkeit und Toleranzentwicklung. Der Organismus von Säuglingen und Kleinkindern reagiert noch besonders empfindlich auf solche Substanzen. 

Mohn für Kinder muss verarbeitet sein

Durch waschen, mahlen und erhitzen wird der Opiumgehalt stark reduziert. Deshalb gibt zum Beispiel das CVUA Karlsruhe auch ausdrücklich an, dass ein Mohnbrötchen für Kinder nicht gefährlich ist. 

Babys und Kinder dürfen keinen rohen Mohn essen. Auch Mohn in großen Mengen solltest Du meiden.

Wenn Du Deinem Kind Mohn geben möchtest, sollte dieser also

  • gewaschen oder eingeweicht (Einweichwasser abgießen!) sein, denn das entfernt die Verunreinigungen – übrig bleiben die reinen Mohnsamen, die keine Opiate enthalten. 
  • gemahlen sein, das reduziert den Gehalt ebenfalls. 
  • mindestens 20 Minuten bei 160° gebacken oder gekocht werden. Die Hitze reduziert die mögliche Opiatbelastung um bis zu 90%. 

Bei industrieller Verarbeitung oder beim Bäcker werden diese Punkte in aller Regel beachtet. Zusätzlich gibt es seit 2021 eine EU-Regelung zum Höchstwert von Alkaloiden in Speisemohn. Dazu gleich mehr. 

Warum ist Speisemohn frei verkäuflich?

Mohn zur Gewinnung von Opiaten für die Pharmaindustrie darf nicht ohne Genemigung angebaut und nicht an den Endverbraucher verkauft werden. Speisemohn dagegen, der in Europa aus opiatarmen Sorten gewonnen wird, darf als Lebensmittel frei verkauft werden. Vermutlich durch die Globalisierung des Welthandels kam es in den vergangenen Jahrzehnten allerdings zu einem Anstieg des Opiatgehalts in Speisemohn. Denn nicht überall gelten dieselben Methoden für Anbau, Ernte und Endkontrolle des Mohns. 

2005 wurde ein Fall bekannt, bei dem tatsächlich ein Säugling durch Mohn zu Schaden kam und auf der Intensivstation behandelt werden musste. Die Mutter hatte ihrem Baby Milch, die mit Mohn aufgekocht war, verabreicht – mit dem Ziel, dass es nachts besser schläft. Leider hatte sie stark verunreinigten Mohn erwischt und ihr Baby bekam unter anderem Atemprobleme.

Opiatgehalt im Mohn gesetzlich geregelt

Seit diesem Vorfall hat sich aber einiges geändert. Von der EU wurde in der EU-Verordnung 2021/2142 der maximale Opiatgehalt im Mohn geregelt und beträgt nun 20g / kg Speisemohn. Wer in Deutschland Mohn mit höherem Gehalt verkauft, haftet auch dafür und kann straf- und zivilrechtlich verfolgt werden, wenn jemand zu Schaden kam. Darum ist davon auszugehen, dass die Kontrollen schon auf Herstellerseite mittlerweile strenger ausfallen und sich ein solcher Fall kaum wiederholen kann. Auch von entsprechenden Lebensmittelbehörden werden regelmäßige Kontrollen durchgeführt. 

Wie viel Mohn ist sicher für Babys?

Wenn Du ein Mensch der Zahlen bist, stellt sich die Sachlage folgendermaßen dar: Der Opiatgehalt im Mohn soll also laut EU-Verordnung unter 20mg / Kilogramm sein, wenn ein Produkt an den Endverbraucher abgegeben wird. Die maximale tägliche Aufnahmemenge, die als sicher eingeschätzt wird, liegt bei 6,3 Mikrogramm / Kilogramm Körpergewicht. Für ein Baby mit 6 kg bedeutet das also zum Beispiel 37,8 Mikrogramm pro Tag. Wenn man von der maximal erlaubten Menge Morphin in Speisemohn ausgeht (also davon ausgeht, dass der Hersteller sich an die Gesetze hält), wären 1,8 Gramm roher Mohn als sicher für das Baby einzustufen. Weil Kinder im Beikostalter aber meist schon etwas mehr wiegen, würde sich ein Mohnbrötchen pro Tag als ziemlich sicher für Dein Kind erweisen. Denn das hat zwischen 2-5 Gramm Mohn. 

Noch einmal: Das bedeutet NICHT, dass mehr als ein Mohnbrötchen pro Tag für Dein Kind automatisch gesundheitsgefährdend ist – es bedeutet lediglich, dass Du damit innerhalb der Empfehlungen liegst, wenn der verwendete Mohn tatsächlich das maximale der gesetzlich geregelten Menge enthalten soll. Dabei liegt der Wert immer noch um das 13-fache unter der niedrigsten Dosis, die bei Säuglingen im medizinischen Bereich angewendet werden darf. 

Zum Vergleich: Der Mohn, denn besagte Mutter 2005 verwendet hatte, enthielt nach Untersuchungen 1000 mg / kg. 

Soll ich lieber ganz auf Mohn für mein Kind verzichten?

Dass Menschen nach dem Verzehr von normalen Mengen Speisemohn irgendwelche Symptome feststellen kann, kommt laut entsprechenden Untersuchungen sehr, sehr selten vor. 

Nichtsdestotrotz wird weiterhin davon abgeraten, Kindern größere Mengen an Mohn essen zu lassen. Sicher ist sicher. Denn dass der Händler haftet, hilft Deinem Kind im Ernstfall auch nicht weiter, oder?

Wenn Du nach dieser Geschichte bei Mohn kein gutes Gefühl hast, ist das absolut verständlich. Mohnsamen haben zwar durchaus gesunde Inhaltsstoffe und sind wie viele Samen und Körner ein nährstoffreicher Beitrag zur Kinderernährung. Aber es spricht auch absolut nichts dagegen, wenn Du Mohn in der Ernährung Deines Kindes (erst einmal) einfach weglässt. 

Mohn in der Schwangerschaft

Auch in der Schwangerschaft wird vom Verzehr von zu viel Mohn abgeraten (nochmal, es geht dabei nicht um ein oder zwei handelsübliche Mohnbrötchen!). Denn das möglicherweise enthaltene Morphium kann die Plazentaschranke überwinden und auf Dein Kind einwirken. Konkrete Daten gibt es dazu nicht, denn dazu müsste man gesunden Schwangeren ein Risiko aussetzen. Das ist unethisch und wird nirgends auf der Welt praktiziert. Aus der Praxis sind aber zahlreiche gesundheitliche Beeinträchtigung bei Neugeborenen morphinabhängiger Mütter dokumentiert – von kurzfristigen körperlichen Beeinträchtigungen bis hin zu Spätfolgen wie verzögertem Spracherwerb.

 

Quellen:

https://www.ua-bw.de/pub/beitrag.asp?subid=2&Thema_ID=2&ID=1117&Pdf=No#

https://www.eurofins.de/lebensmittel/food-news/food-testing-news/analyse-von-opiumalkaloiden-in-lebensmitteln/

https://www.laves.niedersachsen.de/startseite/lebensmittel/ruckstande_verunreingungen/morphingehalte-in-mohnsamen-und-mohngebaeck-73449.html

https://www.bfr.bund.de/cm/343/bfr_empfiehlt_vorlaeufige_maximale_taegliche_aufnahmemenge_und_einen_richtwert_fuer_morphin_in_mohnsamen.pdf

Opiate in Speisemohn – ein Problem der Globalisierung des Handels? Roland C. Perz, Constanze Sproll, Dirk W. Lachenmeier und Rolf Buschmann. Chemisches und Veterinäruntersuchungsamt (CVUA) Stuttgart, Schaflandstr. 3/2, D-70736 Fellbach.  Chemisches und Veterinäruntersuchungsamt (CVUA) Karlsruhe, Weißenburger Str. 3, D-76187 Karlsruhe.